Die Schwestern vom Ku’Damm – Jahre des Aufbaus

„Jahre des Aufbaus“ lautet der Titel des Auftaktbandes der Trilogie um die Thalheim-Schwestern aus der Feder der wundervollen Brigitte Riebe.

Wir befinden uns in Berlin im Jahre 1945, der Krieg ist vorbei und die Stadt nahezu komplett zerstört – genau wie das einst so prunkvolle Kaufhaus der Familie Thalheim am Ku’Damm. Es ist Ruhe eingekehrt, die Menschen beginnen Kraft und Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen. Auch in Rike, der ältesten Thalheim-Schwester, keimt die Hoffnung nach einem Neuanfang und Wiederaufbau auf, die jedoch noch von den persönlichen Katastrophen niedergedrückt wird: Der Vater in Kriegsgefangenschaft, der Bruder verschollen und die Familienvilla in der strengen Hand der Besatzer. Wie soll da ein Wiederaufbau gelingen, fehlt es doch an allem.

An allem ja, aber nicht an der Kreativität und am Einfallsreichtum der Thalheimschwestern, die gemeinsam alles daransetzen, um den Sinn für Farbe und Mode zurück ins staubige Nachkriegsberlin zu bringen. Rikes Traum, das Kaufhaus Thalheim wiederaufzubauen, scheint greifbar nahe als es zu einem unverhofften Erbe kommt. Strahlend soll es neu auferstehen, wie der Phönix aus der Asche, prunkvoller als zuvor. Mit der Einführung der Währungsreform scheint sich dieser Traum auch zu erfüllen, wären da nicht die Probleme, die an allen Ecken lauern. Wie ein Schatten lauert die Vergangenheit über der Familie Thalheim und zeigt, dass man ebendiese nicht einfach so hinter sich lassen kann. Aber die Thalheims wären nicht die Thalheims, wenn sie den Kopf kampflos in den Sand stecken würden…

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Schon das Cover versteht es, die Aufmerksamkeit des Lesers komplett auf sich zu ziehen. Der wollweiße Hintergrund und die sanften Grafiken des Café Kranzler im Hintergrund sind nur ein Wegweiser für das, worauf es wirklich ankommt: Die Mode der 50er Jahre, stilvoll präsentiert an der im Zentrum stehenden einzelnen Frauenfigur – Rike. Schlicht und wundervoll und ich finde es so schön, dass ebendieser Stil sich durch alle drei Bände der Buchreihe ziehen wird. 

Brillant findet Brigitte Riebe den Einstieg ins Buch, indem sie uns Leser mithilfe eines schillernden Prologs mit zurück zum Tag der Eröffnung des Kaufhauses nimmt. Rike, Silvie und Oskar noch Kinder, die dem Spektakel mit strahlenden Augen beiwohnen. Schon in dieser kurzen Sequenz legt die Autorin erste Steine für die Wege, die ihre Protagonisten einschlagen werden und markante Charakterzüge werden durch das Handeln der einzelnen Charaktere deutlich. Ein Aspekt, der mich sehr freute, da ich es sehr Liebe, die Charaktere kennenzulernen und gemeinsam mit ihnen zu wachsen und zu erleben. 

Vom schillernden bunten Eröffnungstag springen wir nun direkt ins graue und düstere Jahr 1945, ein wahrer „Kulturschock“! Bildlich und nahezu greifbar beschreibt Brigitte Riebe die Zeit in einer Detailtreue so klar und ungeschönt, dass man sich fast selbst ins Nachkriegsberlin versetzt fühlt, mit den Thalheim-Frauen in den Trümmern arbeitet und um Nahrung ansteht. Es gelingt ihr perfekt, eine Einheit aus Charakteren, Zeitgeschehen und Umgebung zu schaffen, sodass eine einzigartige Leseatmosphäre entsteht. Man kann sich der Geschichte nicht mehr entziehen. Lebhaft und klar agieren die Protagonisten, Politik spielt eine große Rolle in den kalten und grauen Fassaden. Ein schonungsloses und unverklärtes Bild, das dem Buch die nötige Portion Authentizität verleiht für die Riebe-Bücher immer bürgen. Jeder geschichtliche und politische Fakt ist wohl recherchiert und vervollkommnet das Bild der Stadt Berlin in den Nachkriegsjahren. 

Will man den Aufbau des Buches näher betrachten, kann man dieses wohl am besten in drei Hauptstränge unterteilen: Wir haben einerseits die Geschichte der Familie Thalheim mit den typischen Nachkriegsproblemen. Nichts ist geschönt, vom großen Ruhm fielen sie in den kompletten Ruin und hatten kaum noch etwas außer ihrem großen Traum. Katastrophen treffen auf persönliches Leid und dennoch ist da noch immer der Kampfgeist und auch der Unternehmergeist, der in allen Thalheim schlummert. Weiterhin haben wir den Rahmen der Geschichte, nämlich das einmalig anschauliche Bild der politischen Lage Berlins und Deutschlands im Allgemeinen. Historische Ereignisse werden wohl recherchiert eingebunden und schnörkellos und offen in die Gesamtgeschichte eingeflochten. Zum Dritten haben wir das Herzstück des Buches: die Mode. Stoff, Mode, Trends stehen im Zentrum der Geschichten.  Die Dreißiger Jahre als Geburtsstunde der großen Kaufhäuser, der Krieg… was blieb? Das Schicksal der Thalheims als Beispiel für viele Geschäfte, die in der Realität um das Überleben und den Wiederaufbau kämpfen mussten. Eine brillante Mischung, die das Lesen zu einem wahren Vergnügen machte. 

Das wahre Herzstück des Romans sind allerdings die Charaktere: Ein Potpourri der Einzigartigkeiten. Jedes Mitglied der Thalheim-Familie und deren Freunde werden so lebendig beschrieben, dass man denkt, man würde ihnen direkt über die Schulter blicken. Jeder Charakter ist besonders und trägt seinen Teil zur Entwicklung der Geschichte bei. Das Hauptaugenmerk liegt dabei in diesem Band auf Rike, der ältesten Thalheim-Tochter. Geprägt von einem immensen angeborenen Unternehmergeist, versucht sie, den Familienbetrieb direkt nach Kriegsende wieder zum Laufen zu bringen, ein Ziel, dass sie unerbittlich verfolgt. Tiefgründig nähert sich die Autorin der jungen Frau, die sich inmitten von Gewissenskonflikten, tiefen Gefühlen und intensiven Überlegungen befindet. Neben dem Unternehmen ist da eben doch noch ihr Leben als junge Frau, die sich nach den normalen Dingen im Leben sehnt: ein wenig Normalität, Anerkennung und Liebe. Viel zu schnell erwachsen geworden und in die Fußstapfen des Vaters getreten ist die junge Frau, die einen starken Wandel erlebt. Rational und dennoch emotional agiert sie, immer das große Wohl der Familie im Hinterkopf. Rike ist eine sehr starke Person, die mir sehr ans Herz gewachsen ist und ich bin sehr gespannt, wohin sie ihr weiterer Weg führen wird. Daneben haben wir ihre Schwestern Silvie und Flori, die etwas im Hintergrund bleiben, allerdings charakterlich ganz anders aufgestellt sind. Da Brigitte Riebe jeder Schwester einen Band der Trilogie widmen möchte, bleibt Spannung garantiert und ich freue mich drauf, auch die beiden Damen näher kennenzulernen. Eins haben jedoch alle drei Schwestern gemein: Sie stehen für ihre Ziele und Prinzipien bis ganz zuletzt ein und entwickeln sich zu selbstbewussten jungen Frauen – wenngleich auch in komplett verschiedenen Richtungen.

 Auch die anderen Familienmitglieder und Freunde sind tolle Charaktere, auf die ich allerdings an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte. Ihr solltet  das Buch unbedingt zur Hand nehmen und euch auf die Spuren des Berlin der 50er Jahre machen. Mit den Thalheims als Begleiterinnen seid ihr dabei bestens aufgestellt. 

Ich habe das Buch von der ersten Seite an verschlungen und garantiere euch ein tiefgründiges und einmaliges Leseerlebnis!

 

Die Schwestern vom Ku’Damm – Wunderbare Zeiten

 

Manchmal ist die Zeit ja ein trügerischer Gefährte, was sich aber auch ab und an als wahrer Glücksfall entpuppen kann. So beispielsweise, wenn das sehnsüchtig erwartete Buch doch einige Monate im Schrank stand und man es erst las, als der zweite Band veröffentlicht wurde. So ging es mir mit den Schwestern vom Ku’Damm. Hätte ich den ersten Band schon damals gelesen, wäre ich von Neugierde auf Band 2 vergangen. So konnte ich aber nahtlos mit den „Wunderbaren Zeiten“ anknüpfen, dem Band der Trilogie, der sich mit meiner Lieblingsfigur Silvie auseinandersetzen würde.

„Man muss das Leben tanzen“, so das Motto meiner Herzensperson Silvie, die mir so ähnlich ist. Ganz anders als ihre geschäftstüchtige Schwester Rike lebt sie ihr Leben in Unabhängigkeit. Sie beginnt ihre Karriere beim Rundfunk und wird schon bald eine der führenden Sprecherinnen beim Radiosender RIAS, die aber in der Familie nicht mit großem Interesse verfolgt wird. Da wirft man der jungen Frau viel mehr das Desinteresse am Familienunternehmen und ein unstetes Leben vor.

Ein Vorwurf, der besser an den heimgekehrten Sohn Oskar, Silvies Zwillingsbruder, gerichtet werden sollte, der von Vater Friedrich kurzerhand die Leitung des Unternehmens übergeben bekommt, was wiederum Rike bitter aufstößt, die ihr gesamtes Vermögen und Herzblut in den Wiederaufbau des Unternehmens gesteckt hat und nun zusehen muss, wie der tief traumatisierte Bruder alles im Rausch in Schutt und Asche zu stürzen droht.

Als dann noch ein schwerer Konkurrent auftaucht und das Kaufhaus in bittere Probleme stürzt, müssen die Thalheims beweisen, dass sie eine Familie sind, die zusammenhält. Doch dann erleidet die Familie einen schweren Schicksalsschlag…

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Man hätte sicher eine ganze Reihe von Büchern nur über Silvie schreiben können. Im ersten Band noch jung und flippig, zeigt sich hier die Entwicklung der jungen Frau vom Entlein zum Schwan. Bildschön war sie schon immer, doch erst jetzt zeigt sich das volle Potenzial der jungen Frau, die etwas erreichen, eigene Erfolge erleben und nicht nur vom guten Namen Thalheim leben möchte. Die helfen will, diejenigen zu Wort kommen lassen möchte, die sonst niemand hört. Sylvie mit dem besonderen Talent, das Ohr an der Masse zu haben und Veränderungen schon lange spürt, bevor sie überhaupt eintreffen. Eine junge Frau mit dem totsicheren Gespür für Trends und Mode und für die Bedürfnisse der Menschen aus allen Schichten. Eine Person, die man einfach lieben muss.

Doch hinter dieser bildschönen Fassade habe wir eine Seele aus Porzellan, ein großes Herz und soviel Sanftmut. Silvie, die sich nach nichts anderem sehnt als nach Beständigkeit. „Kein Mann, kein Haus, kein Kind“, so das stechende Mantra, das sich tief in die Seele der jungen Frau gebohrt hat, die kurz vor ihrem 30. Geburtstag steht und in der Liebe nur eine Katastrophe nach der anderen erlebt. Dazu noch die absolute Fehleinschätzung des Vaters, der in der Tochter oftmals noch immer den kecken Backfisch sieht, der mit dem frechen Blick und kurzen Kleid auf dem Schwarzmarkt alles bekommen konnte.

Silvie hat es nicht leicht. Doch sie kämpft um ihren Traum, um Anerkennung und um ihren wahren Platz im Leben. Und ist dazu noch der einzige Halt im Leben ihres haltlosen und vom Krieg verbrannten Bruders. Eine tragische Gestalt, mit der ich zunächst gar nicht warm werden konnte, die sich dann aber doch in mein Herz gemogelt hat.

Große Entwicklungen innerhalb der Familie, tiefe Schicksalsschläge und Probleme, Liebe und Trauer treffen in diesem zweiten Band aufeinander, der ebenso nahtlos und wunderschön geschrieben ist, wie Band 1. Da ich dies oben schon ausführlich beschrieben habe, verzichte ich an dieser Stelle auf detaillierte Beschreibungen.

Ich habe diesen Band innerhalb von zwei Tagen verschlungen, konnte ihn einfach nicht aus den Händen legen. Aber ich hätte mir stellenweise mehr Zeit mit Silvie und den anderen Figuren gewünscht. Im Vergleich zu Band 1 gibt es mehr Zeitsprünge, die die Handlung vorantreiben. Ein Aspekt, der keinesfalls störend ist, aber das Buch an manchen Stellen atemloser wirken lässt als den ersten Band, sodass man mehr durch die Geschichte fliegt. Viel direkte Rede, viele Dialoge beleben die Schreibweise, sodass man sich wieder direkt in die Handlung versetzt fühlt. Man hoff, bangt, lacht, liebt und lebt mit den liebgewonnenen Charakteren und hofft, dass sie am Ende alle einfach nur ihr persönliches Glück finden werden, wie auch immer dieses für den Einzelnen ausschauen mag.

Insgesamt eine wundervolle Fortsetzung der Berliner Familiensaga, die geschickt verwoben mit historischem Hintergrund und einer einmaligen Kulisse zu einem wahren Lesevergnügen geworden ist.

Hoffentlich lässt Flori nicht mehr lange auf sich warten!

Und für diejenigen unter euch die lieber hören: Brandaktuell sind die Hörbücher bei mir eingezogen und ich kann versprechen, dass ein wahrer Hörgenuss auf euch wartet! Die beiden Damen schaffen es, die Geschichte perfekt in Szene zu setzen und die beiden Hauptprotagonistinnen perfekt in Szene zu setzen!