Ein Buch mit einer besonderen Geschichte …. 

 0Es gibt sie, diese Bücher, die einen begleiten, die man vergisst, um sich Jahre später wieder an sie zu erinnern. Die einen dann wieder genauso in ihren Bann ziehen, wie es damals schon war. Nur viel intensiver und tiefer. So ging es mir mit „Der Schatten des Windes“. Wie es dazu kam? Lest selbst. 

 

Damals, vor etwa 10 bis 15 Jahren muss es gewesen sein, als ein Freund mir dieses Buch zum Geburtstag schenkte. Eine Paperback Erstausgabe. Er meinte, ich würde dieses Buch verstehen und es lieben lernen. Und es nie wieder vergessen. Recht sollte er haben. Ich las das Buch mit Anfang 20, schmunzelte, lachte, weinte, war gerührt, gefangen, gebannt. Es war unglaublich. Hunderte Seiten, die von mir verschlungen und aufgesogen wurden. Vor Kurzem, zum Beginn der Sommerferien, kam mir dieses Buch wieder in den Sinn als ich nach Sommerbüchern stöberte, die ich gerne in der Taschenausgabe von Fischer haben wollte. Ich liebe diese kleinen, handlichen Bücher, die man immer in die Tasche stecken und überall dabeihaben kann. Beim Stöbern stieß ich auf den Zafón und eine vage Erinnerung kam in mir hoch, wie ich dieses Buch damals geschenkt bekam. Ich erinnerte mich, dass es mich tief berührte, dass ich es verschlang, von allen Emotionen geschüttelt war, dass ich bitterlich geweint habe, als ich dieses Buch las. Wusste nicht mehr, warum. Kurzum, ich musste es noch einmal lesen. Im Glauben, dass ich mein Buch von damals nicht mehr habe, wurde es also neu gekauft und direkt gelesen. 

„Daniel, was du heute sehen wirst, darfst du niemandem erzählen“, sagte mein Vater, „Nicht einmal deinem Freund Tomás. Niemandem.“ “ Auch nicht Mama?“ fragte ich mit gedämpfter Stimme. Mein Vater seufzte hinter seinem traurigen Lächeln, das ihm wie ein Schatten durchs Leben verfolgte. „Aber natürlich“, antwortete er gedrückt, „Vor ihr haben wir keine Geheimnisse. Ihr darfst du alles erzählen.“

Mit diesem Worten beginnt der Roman rund um Daniel Sempere, Sohn des Buchhändlers Sempere, der im Jahre 1945 von seinem Vater zum Friedhof der vergessenen Bücher mitgenommen wird, einem der geheimsten Orte in ganz Barcelona. Dort wird er vom Bibliothekswächter Isaac aufgefordert, sich ein Buch auszuwählen, das er von diesem Tage an beschützen solle. So verlange es die Tradition der Bibliothek. Er entscheidet sich für den Roman „Der Schatten des Windes“ aus der Feder des unbekannten Autors Juliàn Carax. Vom Buch begeistert, beginnt er sich in Recherchen nach dem Leben des Autors zu stürzen, die ihn einerseits zunächst in Sackgassen, andererseits auch zu großen Rätseln führen. 

Der befreundete Buchhändler Gustavo Barceló berichtet Daniel, dass alle Exemplare bis auf dieses eine verbrannt wurden. Am selben Abend trifft Daniel auf Don Gustavos blinde Tochter Clara und verliebt sich unsterblich aber aussichtslos in die junge Frau, der er von da an regelmäßig vorliest. Bei einem der Besuche wird er auf der Straße von einem vermummten Fremden nach dem Buch gefragt und beschließt, sein Exemplar von Clara zurückzuholen, was für Daniel in mehrerlei Hinsicht sehr schmerzhaft endet. Er trifft auf der Straße auf den Bettler Fermín Romero de Torres, einen ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter, der auf der Straße lebt und sehr gebildet und wortgewandt ist, wenngleich auch den Wonnen der Liebe und Frauenwelt alles andere als abgeneigt. Fermín wird von Daniels Vater eingestellt und schon bald stürzen sich beide Männer immer stärker in den Strudel rund um die Geheimnisse von juliàn Carax und dem Schatten des Windes. Ein einzigartiges Abenteuer beginnt, das Daniel mehr als nur einmal in tödliche Gefahr bringt. Wird er am Ende die Geheimnisse lüften können oder werden ihn die Schatten des Windes zugrunde richten?

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Oh mein Gott, wo soll ich nur anfangen? Einmal angefangen, konnte ich das Buch bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen. Ich war gefesselt und gebannt in der Geschichte, die uns einmal durch das Barcelona der 40er Jahre führt und den jungen Daniel beim Aufwachsen zuschauen lässt und die uns andererseits so tief in die Vergangenheit des Autors Carax und dessen turbulenten und gefährlichen Lebens führt. Es entspinnt sich von Beginn an eine spannende Wiederholungsgeschichte. Wir haben einerseits die Geschichte Daniels und daneben Carax. Beide kennen sich nicht und dennoch scheinen ihre Leben in erstaunlichen Parallelen zu verlaufen und vorherbestimmt zu sein. Man lernt die Figuren peu à peu kennen, muss dabei aufpassen, dass man sich nicht in die Irre führen lässt oder sich im Trugspiel der Verwirrung verliert. Nach und nach entwirren sich die Fäden und man ist erstaunt, fassungslos und auch in gewisser Weise glücklich über die Entwicklung der Geschichte. 

Zafon ist ein Künstler der Worte, der uns vor der atmosphärisch schaurigen Kulisse des Nachkriegsbarcelonas eine Spannungsgeschichte ohnegleichen dichtet, in der alle agierenden nur Figuren in einem großen Spiel zu sein scheinen, deren Fäden an ganz anderer Stelle gezogen werden. Die Figuren sind dabei so stechend klar gezeichnet, als würden sie einem beim Lesen direkt über die Schulter schauen. Wir begleiten einen unsichereren Daniel durch die Phase des Erwachsenwerdens, durch die Schmerzen der tragischen ersten Liebe bis hin zur Entschlossenheit, große Geheimnisse lüften zu wollen – ganz egal, zu welchem Preis. Ein Junge, der gezeichnet vom Leben zum Mann wird und auf Geheimnisse stößt, die er besser nie hätte erfahren sollen. Aber niemand kann sich seiner Geschichte entziehen, auch Daniel nicht.  

Daneben sein Vater, Patron der Buchhandlung Sempere und Söhne und ein Herzensmann mit Schmerz im Herzen. Er verlor seine Frau viel zu früh und lebt und arbeitet nun mit Daniel in der Buchhandlung. Auch sein Leben ist von Geheimnissen gepflastert, die allerdings nicht in diesem Buch aufgelöst werden sollen. Er nimmt auch den Bettler Termin auf, eine brillante Entscheidung, strotzt Fermin doch vor Eloquenz und Galanz – insbesondere gegenüber dem schönen Geschlecht. Was habe ich über ihn gelacht, den Kopf geschüttelt, geschmunzelt und auch geweint. Fermín hat mein Herz erobert und bliebt vom ersten Erscheinen an meine Herzensfigur durch die Romane rund um die Bibliothek der vergessenen Bücher. Oh, Fermín… was musstest du erleiden, bevor du dein Glück erleben durftest? 

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Großes Drama trifft auf große Liebesgeschichten, die man auch genießen kann, ohne ein bodenloser Romantiker zu sein. Helden treffen auf Antihelden, furchtbare Schurken auf ungerecht Verurteilte, Geheimnisse auf Schicksale. Ein Buch, das den Leser atemlos bannt und in einer sprachlichen Brillanz verfasst ist, die ihresgleichen sucht. Dabei muss unbedingt ein großes Lob an den Übersetzer Peter Schwaar ausgesprochen werden, der jedes Wort derart mit Leben füllt und die bildhafte Sprache des Autors auszukleiden versteht, dass das Lesen in einem fulminanten Kopfkino ufert. Schillernde und wortgewandte Beschreibungen von Naturspektakeln, Gerüchen, Empfindungen und Eindrücken treiben die Handlung voran wie einen Fluss. Man wird von fein ausformulierten Dialogen und pfiffigen Monologen Fermins mitgerissen und erkundet an der Seite Daniels das Barcelona der Franco-Zeit, die sehr kritisch reflektiert wird.  

Das Springen zwischen den verschiedenen Zeitebenen ist dabei keineswegs störend, sondern verleiht der Handlung extra Schwung und unterstützt die Entwicklung der Figuren, die einem von Seite zu Seite immer wichtiger werden. Dabei passt die dichte und bildgewaltige Sprache einmalig zur Magie des Mystischen und dem Faszinierenden, die das Buch von Beginn an umgeben. Eine fantastische Geschichte wurde mir hier zu Füßen gelegt, eine Geschichte von gebrochenen Menschen, die ihr Leben durchkämpften, immer auf der Suche nach ein wenig Glück. Eine Geschichte, die mich nicht loslässt und auch nicht loslassen soll. Ich hoffe, dass ihr mir auf die Spuren der Vergessenen Bibliothek folgen werdet und vielleicht auch ein wenig von dem fühlt, was dieses Buch in jedem Wort ausstrahlt, von dieser Macht, die so schwer in Worte zu fassen ist… 

 

Wie glücklich machte es mich im Jahr 2009, als ich während meiner Zeit in Luxemburg feststellte, dass es zum Roman eine Fortsetzung gab….

Folgt mir bald und erfahrt mehr zum „Spiel des Engels“.