„Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben? Dann sind Sie bei uns richtig. das Emporium öffnet beim ersten Frost die Tore. Keine Erfahrung erforderlich. Kost und Logis inbegriffen.“

Diese Worte in der Anzeige einer Tageszeitung scheinen die junge, schwangere Cathy förmlich anzuziehen, als deren Familie nichts mehr von ihr wissen will und sie gezwungen ist, eine neue Bleibe zu finden. Ein Fakt, der gar nicht so belanglos ist, wie er zunächst klingt. Denn im Jahre 1908 gibt es keinen Platz für junge alleinstehende Frauen und schon gar nicht, wenn diese auch noch schwanger sind. Zuhause gibt es nur eine Option: Cathy soll in ein Heim, wo sie ihre Tochter zur Welt bringen kann. Danach, wenn das Kind geboren ist, solle sie es zur Adoption freigeben und wieder nach Hause kommen. Eine für Cathy absolut inakzeptable Lösung, da sie das kleine Wesen, das in ihr heranwächst schon jetzt nicht mehr hergeben möchte.

Diese ausweglose Situation ist es, die Cathy letztendlich dazu bringt, den Mut aufzubringen, ihre Familie zu verlassen und sich mutterseelenallein auf den Weg in das ihr unbekannte London zu machen, wo sie im magischen Spielzeugladen von Papa Jack nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch noch die große Liebe findet. Zwischen strammstehenden Zinnsoldaten, einem Urwald aus Papierbäumen und treuen Patchworktieren werden nicht nur Kinderaugen zum Leuchten gebracht, sondern auch Cathy erlangt ihre Lebensfreude wieder. Es ist ein Wunderwerk der Magie, das von Papa Jekab und seinen Söhnen Kaspar und Emil geleitet wird. Bald schon verliebt sich Cathy in Kaspar und sie werden ein Paar. Aber auch Emil ist insgeheim in Cathy verliebt.

Nach der Geburt ihrer Tochter Martha lebt Cathy gemeinsam mit Kaspar im Emporium im fast vollendeten Glück. Denn alles wird überschattet vom permanent andauernden Krieg der beiden Brüder um den Rang des Besseren. Zeigt Kaspar Spuren der väterlichen Magie bei der Spielzeugherstellung, ist diese Emil vollständig verborgen geblieben, obwohl er ein wahrer Meister der Mechanik ist, was seine vollendeten kleinen Soldatenfiguren beweisen, die jedes Jahr aufs Neue Kinderaugen zum Leuchten bringen. Doch Emils Eifersucht auf den Bruder brennt wie ein schmerzhafter Funke in der Brust und lässt ihn blind für die eigenen Erfolge werden.

Mit dem Ausbruch des Krieges wird Kaspar eingezogen, wohingegen Emil ausgemustert wurde. Ein Aspekt, der den Bruder innerlich noch wütender macht. Nahezu nutzlos kommt er sich vor. Einige Jahre später kommt Kaspar zurück nach Hause, verletzt, gebrochen, vom Krieg ausgebrannt. Der Krieg ist fürs Erste vergangen, aber die Kämpfe im Inneren dauern an. Kämpfe gegen die Dämonen des Krieges, gegen die eigenen Dämonen, gegen die Magie und gegen die, die man doch eigentlich liebt….

Robert Dinsdale hat mit seinem Buch „Die kleinen Wunder von Mayfair“ ein kleines Wunderwerk geschaffen, wenn auch ein anderes, als es auf den ersten Blick scheint. Betrachtet man das verspielte und magisch anmutende Cover und den Klappentext, so kommt man schnell in Weihnachtsstimmung. Magie, Spielwaren, ein Weihnachtswunder – kurzum die perfekte Weihnachtsgeschichte. Denkste, denn hinter der Gassade des Emporiums brodeln erbitterte Machtkämpfe. Machtkämpfe, die zwischen zwei kleinen Jungen und ihren Spielzeugsoldaten begannen und in blutiger Realität enden. Hinter einer Fassade aus Spielwaren, Magie und Zauber wartet der Krieg in all seiner Kälte und Brutalität, die sich auch nicht ewig hinter den Türen des Spielwarengeschäfts leugnen lassen.

An dieser Stelle begann mein innerer Konflikt zu reifen. Einerseits wollte ich ein Weihnachtsmärchen, aber andererseits hatte mich die Geschichte fest in ihrem Bann. Vater Jekab, Kaspar und Cathy samt ihrer Tochter Martha waren einfach so tolle Begleiter geworden, ich musste einfach wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Ganz anders war es mit Emil, mit dem ich leider gar nicht warm werden konnte. War es zu Beginn noch kindliche Eifersucht, die das Leben der Brüder beherrschte, steigerte sich diese bei Emil fast bis in eine krankhafte Manie voller Zerstörungswut und ohne Rücksicht auf Verluste. Eine Entwicklung, der Papa Jekabs sicher hätte Einhalt gebieten können, wäre er nicht durch die Dämonen der eigenen Vergangenheit gefangen in seiner eigenen Welt.

Neben einem einmaligen Setting beschert uns der Autor farbig und lebendig gestaltete Protagonisten, die miteinander wirken wie zwei Pole, sie stoßen sich ab und ziehen sich an. Polarität, die sich durch den gesamten Roman zieht: Magie und Geborgenheit treffen auch eiskalte Kriegsrealität. Der Mechaniker steht dem Magier mit einem Heer von Spielzeugsoldaten gegenüber, Phantasie dem wahren Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und all das überschattet von einer großen philosophischen Gedankenführung. Einerseits haben wir da die Soldaten, die von mechanischem Kriegsspielzeug zu selbstdenkenden Wesen wurden, die dem Wert der Hiöfe und Brüderlichkeit erlernen können und sich lieber die Hände reichen, als zum hundertsten Mal in die große Schlacht zu ziehen. Viel wichtiger ist allerdings die Magie der Phantasie und des Kindbleibens. Denn damit gewinnt man sogar die härtesten Schlachten.

„Zeig einem Erwachsenen ein Steckenpferd, und er wird wieder zum Kind, er kann es nicht erwarten, einen Ausritt zu unternehmen. Ein Spielzeugmacher muss vor allem eine unantastbare Wahrheit achten: Wir alle waren einmal Kinder, egal, wer wir als Erwachsene sind oder was wir getan haben, wir waren alle Kinder, die schon glücklich waren, wenn sie einen Ball gegen eine Wand werfen könnten.“

Sie sehen, wenn wir diesmal dem Cover und dem Klappentext trauen, landen wir komplett auf dem Holweg, grausame Realität und ein Familiendrama ganz großer Klasse spielen sich verborgen hinter einer vertrauenserweckenden und magischen Kulisse ab. Eine phänomenale Geschichte, die den Leser definitiv und unweigerlich in ihren Bann ziehen wird, wenn er sich trotz der anderen Erwartung, mit der er zu dem Buch gegriffen hat, zum Weiterlesen entschließen kann. Und das wünsche ich diesem Buch und damit soll diese Besprechung auch enden. Mit einem Appell an Sie, liebe Leser: Do not judge a book by its cover. Schaut über das Offensichtliche hinaus und gebt diesem Buch die Chance, die es verdient. Ihr werdet belohnt werden mit einem magischen, vielseitigen und ganz besonderen Potpourri der Emotionen und Gefühle. Und vergesst niemals das Kind, das tief in euch lebt.

“Aber ist man dann erwachsen, ist es umgekehrt: nun will man Spielzeug, weil man sich dadurch wieder jung fühlt. ,am will zurück an den Ort, wo einem nichts schaden kann, hinein in eine Zeitschleife, die aus Erinnerungen und Liebe besteht.“