Im letzten Winter bat mich AstroLibrium eine heikle Mission zu übernehmen. Zusammen mit Schiffskater Mrs. Chippy erlebte ich die Expedition der Endurance Richtung Südpol mit. Was ich erlebt habe, könnt ihr hier in meinem (B)Logbuch nachlesen.

Fotocollage erstellt von AstroLibrium

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Eintrag ins Logbuch am 25.11.2017:

Ich werde Schiffkatze. Und ich werde in die Antarktis reisen. Ich muss Mrs. Chippys Spuren finden. Sie war an Bord der Endurance und…
AstroLibrium bat um katzige Hilfe. Ehrensache. Auf geht‘s. Volle Fahrt voraus!

Wir haben viele gemeinsame Interessen. Blaue Pferde, Schiffe von Theseus und einfach gute Literatur. Jetzt brauche ich…

Gepostet von AstroLibrium am Samstag, 25. November 2017

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📖 (B)Logbucheintrag 09.12.2017

Bei uns kam Post ✉️. Ich bin mir sicher es war eine Flaschenpost. Frauchen sagt, ich soll nicht spinnen. Aber wie bitte soll ein Tagebuch aus der Antarktis bis zu uns gekommen sein? Außerdem träume ich seit Tagen von Schiffen 🚢… und von Eis❄️. Frauchen sagt, die Kälte draußen steigt mir zu Kopf. 

Was Frauchen nicht weiß ist, dass ich großes vor mir habe. Ich werde sie für einige Tage verlassen, denn ich mache eine Expedition. AstroLibrium hat eine Fachkatze 😺 angefragt und da sag ich nicht nein. 
In der Post war unser ganz persönliches Expeditions-Logbuch und das Tagebuch von Mrs. Chippy. Aber das hat ein Mensch aufgeschrieben. Und da ich weiß, wie es ist, wenn Menschen für einen schreiben, werde ich mich auf die Spuren 🐾 von Mrs. Chippy selbst begeben. 
Und wie es sich für eine Schiffsreise gehört, notiere ich alles im (B)Logbuch. Seid gespannt. 
Ich glaube als erstes nehme ich den Mensch unter die Lupe, der das alles für Mrs. Chippy aufgeschrieben hat. 

Begleitet mich auf die Expedition und zieht euch warm an! Es wird kalt!

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(B)Logbuch, 10.12.2017, 15:15 Uhr:

Ich höre ständig ein Geräusch! Es macht „tuhuuut“.
Oh, es ist die Endurance 🚢! Sie wartet auf mich! Ich soll endlich kommen! Die Expedition in die Antarktis beginnt. Dabei bin ich nich gar nicht bereit🙀. Ich habe noch so viele Fragen:
– Wie soll ich unbemerkt aufs Schiff kommen?
– Wie finde ich Mrs. Chippy, oder findet er mich?
– Was ist mit den Hunden?
– Was mache ich bei Heimweh?
– Reichen ein Winterfell und 27 Paar dicke Socken?
– Wird es sehr kalt?

Reiß dich zusammen Paulinchen. Du wurdest als Fachkatze angefragt und nicht als Jammerkatze! Ich schaffe das! Für mich, für AstroLibrium und vor allem für Flocke!

Aber bevor es losgeht muss ich erst noch etwas klären. Schon meine Katzenoma – wie heiß sie noch 🤔, Minka! – schon Katzenoma Minka sagte, mache nie eine Expedition in die Antarktis, ohne gute Recherche. 
Deshalb muss ich erst noch eine Frage klären. Wer ist die Frau, die Mrs. Chippys Tagebuch veröffentlichte. Ich meine ein Tagebuch ist doch was persönliches! Das sollte geheim bleiben. 
Andererseits… ohne das Tagebuch würden wir nie erfahren, was Chippy erlebt hat. Aber hat die Autorin auch wirklich alles verstanden, was Mrs. Chippy ihr gemaunzt hat?

Mal sehen, so so, Caroline Alexander heißt die Autorin. Aha, sie hat schon mehrere Bücher geschrieben – über die Endurance und über Sir Shackleton… über den betreut sie auch eine Ausstellung. Oder sie bei der Recherche zu seiner Person an Mrs. Chippys Gedanken gekommen ist?
Mmh… sie scheint eine sehr intelligente Frau zu sein, aber nirgendwo steht, dass sie in Kätzisch promoviert hat…

Es bleibt mir nichts anderes übrig. Ich muss in die Vergangenheit. Ich muss auf die Endurance und ich muss Mrs. Chippy finden. Erst dann weiß ich, was ich von dem Buch halten soll. 

*tuhuuut* 🚢

Jahaaa, ich komme ja schon!

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(B)Logbucheintrag 12.12.2017, 19.00 Uhr:

48 Stunden musste ich ausharren in der Kiste mit dem Pökelfleisch. Ehe alles eingeladen war und die Endurance in See stechen kann, vergeht ja eine halbe Ewigkeit. Da brauch ich Ausdauer! Ha, das passt! Das englische Wort für Ausdauer ist Endurance. 
Na ja, zum Glück war ich ja gut versorgt in der Kiste! Und durch ein Loch in der Wand, hatte ich alles im Blick.
An Bord gingen neben Unmengen an Proviant, auch 29 Mann Besatzung, 2 Schweine und 69 (!!!) kanadische Huskys!
Zum Glück haben sie mich hier in der Kiste nicht gerochen. 
Die restliche Wartezeit habe ich damit verbracht, in dem Buch von Caroline Alexander zu lesen. Da ist ganz am Anfang von einer Heldensage um Mrs. Chippy die Rede… Was denn nun? Doch alles nur geflunkert? Und für Chippys Tagebuch im Archiv der Scottish Geographical Society habe ich noch keinen Beweis gefunden (Notiz an mich selbst: Frauchen mit einer tiefgründigeren Recherche betrauen – mein LTE auf See wird schlecht sein.)

Nun bin ich aber endlich auf dem Schiff. 
Auf Anraten von AstroLibrium habe ich als erstes Henry „Chips“ Mc Neish gesucht. Er ist der beste Kumpel von Chippy und der Zimmermann an Bord (Notiz an mich selbst: Mc Neish mit bequemeren Kratzbaum beauftragen.) 
Mc Neish hat mich erst für Mrs. Chippy gehalten. Fand ich nicht gut. Dann hat er aber gesehen, dass ich nicht komplett getigert bin. Und dann hat er gesagt, dass mein zickiges Verhalten ja nur zu einer Frau passt und ich deshalb nich Mrs. Chippy sein kann. Keine Ahnung, was er meint. Mrs. Chippy ist doch auch eine Dame. Oder etwa nicht?

Ahhh, muss mich verstecken. Hunde gehen ein letztes Mal Spazieren vorm Ablegen. Bis ba…

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(B)Logbucheintrag, 13.12.2017:

Brrrrr, ist das kalt! ❄️

Habe Mrs. Chippy getroffen. ER (!) ist ein netter Tigerkater. Hat seinen Namen einem Irrtum zu verdanken und ist den weiblichen Zusatz seither nicht losgeworden. 

Chippy hat mir seine Aufgaben erklärt. 
Haben das Kielwasser beobachtet. Ist wohl eine sehr wichtige Aufgabe. Bin bei der Beobachtung der Wellen seekrank geworden. Haben deshalb dann den Maschinenraum kontrolliert. Habe mich erkältet, als ich von dem heißen Raum raus in die Kälte ging. Haben dann gemeinsam Schwerkraftexperimente mit Eisbrocken durchgeführt. Im Anschluss gab es Tee und Plaudereien mit der Crew. Nach 2 Stunden Arbeit ging es endlich in die Kajüte zum Mittagsschlaf. Nachmittags haben wir die Hunde geärgert. Hatte Angst! Hab es mir aber nicht anmerken lassen…
(Notiz an mich: Kondition trainieren! Segelmasten hochklettern und über eine Reling laufen üben!)

Mittlerweile ist rings um das Schiff alles weiß. Kein Kielwasser zu sehen. Habe ich schon erwähnt, dass es kalt ist? 
Das weiße Zeug sieht aus wie das Zeug, dass im Winter immer die Blumen an mein Kellerfenster malt. Die Zweibeiner schauen sorgenvoll auf die weiße Masse. Keine Ahnung warum – muss Chippy fragen.
Wollen jetzt Mäuse fangen. Ihhh bäääh…

Oh, kurzfristige Besprechung der Besatzung. Muss weg. 

Grüße in die Heimat. 
Schickt mir Wintersachen!

P.S. Will Chippy heute Abend die Sternenwarte von AstroLibrium am Himmel zeigen.

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(B)Logbucheintrag, 16.12.2017:

Konnte mich nicht melden. Handy im Schnee verloren.

Die Mannschaft ist schlecht gelaunt. Wir sind jetzt komplett im Eis eingeschlossen und müssen hier überwintern. Alle Versuche die Endurance wieder flott zu bekommen, sind gescheitert. 
Die Hunde müssen auf dem Eis schlafen. Sie wurden vom Schiff gebracht. Ha ha! Aber es sind ja immerhin Schlittenhunde. 
Mrs. Chippy und ich beobachten sie oft von der Reling. Ansonsten fangen wir Mäuse und kontrollieren die Kajüten. Mehr gibt es zur Zeit nichts zu tun. 
Mrs. Chippy nimmt das allessehr gelassen hin. Aber ich bekam eine Warnung von AstroLibrium. Irgendwie liegt Gefahr in der Luft. Das muss ich Mrs. Chippy klarmachen. 

Ich meld mich!
Vier gefrorene Füße senden liebe Grüße

Foto: https://diaspora.soh.re/tags/southpole

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(B)Logbucheintrag, 17.10.2017:

HILFE!
Die Endurance sitzt fest im Eis. Keinen Milimeter bewegt sie sich! Und alles knarrt und knackt so komisch. 
Und dann ist es hier so furchtbar dunkel! Die Mannschaft nennt das Polarnacht. Wie soll ich nur ohne Sonne leben? Ich liebe dich Sonne. Ich bin verloren! 
HILFE!

Autsch! Hey Chippy, du musst mir nicht gleich eine tatzen. Ich beruhige mich ja schon. Und natürlich bin ich eine echte Fachkatze! Tzzz…

Dann auf auf, zum Winterdienstplan: Länger schlafen, weniger Deckwache. Allerdings wird allmählich auch ein Teil des Essens rationiert…
Aber es gibt auch was Gutes: Die Hunde sind nicht an Bord. Die müssen jetzt beweisen, was in ihnen steckt als Schlittenhunde. Das sieht furchtbar albern aus. Ein paar haben wir schon verloren, wegen Würmern. Mir tun sie leid, aber Chippy ist es gleichgültig. Und ehrlich gesagt, habe ich auch Mitleid, dass die Hunde auf dem Eis schlafen müssen. 

Aber ich geh nicht aufs Eis. Nee nee… AstroLibrium hat mich gewarnt und der wird schon wissen warum. Jedes Mal wenn das Eis knirscht, habe ich das Gefühl, das Schlimmste kommt erst noch. 

Ich hab Angst. 
Ich will nach Hause…

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letzter (B)Logbucheintrag, 26.12.2017:

Hey, na ihr! Habt ihr mich vermisst über die Feiertage? Ich war noch in der Antarktis. Ich konnte nicht gehen. Mc Neish brauchte mich. 
Es war alles so furchtbar… und so kalt. 
Es war laut und hat geknackt und geknirscht überall und auf einmal hatte ich nasse Pfoten. Ich hatte noch nie in meinen 7 Leben so Angst! Mrs. Chippy nahm das alles völlig gelassen. Er ist ein echter Seekater!
Aber ich meine auch er hätte doch merken müssen, dass etwas nicht stimmt, als unser Schiff auf einmal weg war. Doch für ihn waralles ein großes Abenteuer! …
Jedenfalls brauchte mich sein Kumpel einfach. Und mein Fell unter den Augen war ganz nass…
AstroLibrium ich möchte mich entschuldigen. Aber ich glaube ich bin keine gute Seekatze. Ich habe versagt. Ich bin einfach zu ängstlich und nicht abgehärtet genug.
Ich habe jetzt noch mehr Fragen als vorher. Was ist mehr wert? Mensch, Katz oder Hund? Darf der Mensch alles, nur weil er „denken“ kann? Sind wir Tiere wertlos wenn es darauf ankommt?

Ich kehre hetzt zurück zu Frauchen. Ich will auch nie wieder weg von ihr. Ich muss mit ihr reden. So viele Dinge, die ich mit ihr besprechen muss.

Abschlussbericht folgt. Bald. 
Kann nicht mehr maunzen. Sprachlos.

Foto: https://commons.m.wikimedia.org/…/File:Endurance_Final_Sink…